Anlässlich ihrer diesjährigen Generalversammlung haben die SP Frauen die Gewalt gegen Frauen in den Fokus gestellt. Die Zahlen schwerer Gewaltdelikte gegen Frauen sind in den letzten Jahren markant gestiegen – vor allem Femizide und Vergewaltigungen nehmen stark zu. Das Problem setzt aber viel früher an: mit sexueller Belästigung im Alltag, anzüglichen oder abwertenden Sprüchen am Arbeitsplatz, mit Rollenbildern und Erziehungsmustern, die nach wie vor Bestand haben.
Ylfete Fanaj, die anwesende Regierungsrätin, betonte denn auch gleich zu Beginn in ihrem Grusswort: «In den Zeitungen wird zwar täglich über Sicherheit und Sicherheitspolitik gesprochen – aber meist ist dabei die Sicherheit der Frauen in ihren eigenen vier Wänden nicht mitgemeint. Wir müssen uns gemeinsam dafür einsetzen, das zu ändern. Unser Verständnis von Sicherheit ist umfassend. Es schliesst den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt mit ein.» Und Yvonne Zemp Baumgartner, die Sozialvorsteherin von Sursee, ergänzte, dass nicht länger weggeschaut werden dürfe. Wenn Ämter oder die Polizei Kenntnis von Fällen von häuslicher oder sexualisierter Gewalt haben, brauche es ein konsequentes, koordiniertes Vorgehen.
Nach den Grussworten der beiden Politikerinnen eröffnete Melania Garcia, Leiterin Gewaltprävention und Bedrohungsmanagement des Kantons Luzern, die Talkrunde mit einem Überblick über bestehende Instrumente zur Bekämpfung von Gewalt an Frauen. Sie zeigte auf, wie die Istanbul-Konvention, der nationale Aktionsplan und der kantonale Massnahmenplan ineinandergreifen – mit Fokus auf Prävention, Opferschutz, Täterarbeit, klaren Zuständigkeiten und koordiniertem Handeln. Besonders betonte Garcia die Bedeutung präventiver Massnahmen: Breit angelegte Kampagnen zeigten direkte Wirkung, etwa durch zunehmende Anfragen bei der Opferberatung zu einem entsprechenden Thema.
Dieser Input bot die Basis für ein Gespräch, das Pia Engler, Kantonsrätin aus Kriens und selbst Leiterin einer Schutzunterkunft für gewaltbetroffene Frauen, mit Melania Garcia, Luisella Wildisen, Sozialarbeiterin bei der Opferberatung, und Lena Hafen, Bezirksrichterin und Ersatzrichterin am Kantonsgericht, führte. Diskutiert wurde über die Wirksamkeit der Prävention, den adäquaten Umgang mit Opfern und die Herausforderungen in der Strafverfolgung.
Im Zusammenhang mit der Strafverfolgung halten die Expertinnen fest, dass ein Strafverfahren für betroffene Frauen eine enorme psychische Belastung ist – mit mehrfachen Einvernahmen und der Gefahr der Retraumatisierung. Lena Hafen betonte, wie entscheidend deshalb ein sensibilisiertes Verhalten aller Beteiligten sei. Eine Täter-Opfer-Umkehr komme leider immer noch vor – ein Muster, das erkannt, aktiv hinterfragt und den ausübenden Personen gespiegelt werden muss.
Während die Hürden für eine Anzeige hoch sind – für Fälle von sexueller Belästigung genauso wie von sexueller Nötigung oder Vergewaltigung –, bietet die Opferhilfe ein niederschwelliges Beratungsangebot. Frauen können sich anonym oder persönlich Hilfe holen und sich begleiten lassen – unabhängig davon, ob Anzeige erstattet wird oder nicht. Luisella Wildisen hob hervor, wie wichtig es sei, den Frauen nach der erlebten Ohnmacht ihre Handlungsfähigkeit zurückzugeben – sie nicht zu drängen, sondern ihnen ihre Möglichkeiten umfassend aufzuzeigen.
Das Publikum interessierte sich anschliessend insbesondere dafür, wie vorgegangen werden kann, wenn im Umfeld Fälle von häuslicher oder sexualisierter Gewalt bekannt oder vermutet werden. Die Polizei muss Fällen häuslicher Gewalt nachgehen – der Anruf an die Notfallnummer 117 ist deshalb immer eine gute Option.
Trotzdem – und das haben alle vier Mitwirkenden betont – brauche es Zivilcourage von uns allen. Wir müssen uns bei der Erziehung unserer Kinder achten, keine patriarchalen Muster zu reproduzieren. Wir müssen bei sexueller Belästigung jeder Art – und seien es Witze oder Randbemerkungen – konsequent Einhalt gebieten. Und vor allem müssen wir reagieren, wenn wir von Fällen häuslicher oder sexualisierter Gewalt Kenntnis erhalten.
Die Veranstaltung machte deutlich: Sexualisierte Gewalt ist kein Randproblem, sondern eine strukturelle Realität, die entschlossenes Handeln auf allen Ebenen verlangt. Die Talkgäste sprachen offen über Erfahrungen, systemische Hürden und feministische Strategien der Veränderung. Dabei wurde eines klar: Von Sicherheit dürfen wir nur dann sprechen, wenn auch die Frauen sicher sind.
Kontakt für weitere Informationen:
Sara Agner, sara_agner@hotmail.com, 079 729 26 29
Andrea Elmer, andrea.elmer@sp-sursee.ch, 079 648 95 57